Drohnen, Tracking & Corona

Überwachung

Drohnen, Tracking & Corona

Ungewöhnliche Umstände erfordern ungewöhnliche Maßnahmen – so hören wir es täglich aus Politik, Wissenschaft, Medizin und Medien. Im Kampf gegen die Corona-Pandemie baut das RKI eine Datenspende-App, andere arbeiten an einer App, die mittels Handy-Tracking Kontaktpersonen von Infizierten benachrichtigt.

Wie gehen wir mit solchen Maßnahmen um? Mitmachen oder widersprechen? Können wir diese Entscheidung überhaupt treffen? Bei näherer Betrachtung tauchen eine Menge Fragen auf, die sowohl aus technischer Sicht als auch aus ethischer nicht einfach zu beantworten sind.

Wir möchten euch bei eurer Entscheidungsfindung helfen und unsere Quellen, Überlegungen und Wahrnehmungen mit euch teilen.

Unsere Wahrnehmungen und Meinungen

Wir sind zu keiner finalen Bewertung des Themas gekommen, sondern stecken mitten drin in einer sehr spannenden und angeregten Diskussion. Wir teilen mit euch hier deswegen die Wahrnehmungen und Meinungen einiger unserer Vereinsmitglieder und hoffen so eure Überlegungen anzuregen. Wenn ihr in die Diskussion einsteigen möchtet, nutzt gerne die Kommentarfunktion. 

Nelly Eliasberg

Nelly_Wo bleibt der Widerspruch?

Aktuell ist die Auswertung von Handydaten als Mechanismus im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus in der Diskussion, manche Bundesländer setzen Drohnen zur Überwachung der Corona-bedingten Beschränkungen ein. Obwohl sich in diesem Zusammenhang etliche Fragen nach Praktikabilität, Zweckmäßigkeit und konkreter Ausgestaltung häufen, gibt es momentan sicher Wichtigeres zu tun. Dennoch: Diese Themen dürfen langfristig nicht untergehen.

Eines vorweg. Ja. Wir haben aktuell drängendere Probleme als die, um die sich unsere Debatten sonst drehen. Und ja, so etwas hat es vorher noch nicht gegeben, ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. #flattenthecurve. #staythefuckhome. Ich bin d´accord.

Und ich bin es gleichzeitig ganz und gar nicht. Es herrscht zu viel Einigkeit für eine Demokratie. Zu augenscheinlich ist die Monokultur der Kampagnen und Botschaften, zu nicht-vorhanden die kritische Auseinandersetzung.

Mein Problem sind nicht die Bemühungen, die Ausbreitung das Virus zu verlangsamen. Mein Problem ist die Kritiklosigkeit und die neue Normalität innerhalb dieses Ausnahmezustandes.

Dass Regierungen Handydaten in großem Stil auswerten wollen (und noch nicht klar ist, wie genau das aussehen soll), ist aber nicht normal. Dass wir, die Datenlieferanten, dagegen nicht einmal digital sturmlaufen, ist nicht normal. Dass Drohnen über Wohngebieten kreisen und sich die Sonnenanbeter in ihren Gärten nicht einmal darüber wundern – ist nicht normal.

Doch wo bleibt der Widerspruch? Er ist in den guten Stuben irgendwo zwischen Tomatendosen, Klopapier, Nudeln und dem guten Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein, vergraben worden. #weStayAtHome. #howdareyouquestionthat?

Aber seien wir nicht ungerecht. Unsere Realität hat sich mit einem Wimpernschlag verändert und wir wissen einfach noch nicht, wie damit umzugehen ist. Neue Normen und Verhaltensregeln sind noch nicht verinnerlicht, die Angst lähmt klaren und kritischen Verstand und in der ohnehin schwer erträglichen Isolation möchte niemand zusätzlich aus der Reihe tanzen.

Wer die Deutungshoheit über Richtigkeit und Falschheit eines Standpunktes bzw. der Ausrichtung besagter Reihe innehat, bestimmt der mediale Fokus, der in Wechselwirkung mit schlauen Algorithmen die Scheinwerfer auf Ministervirologen, Hashtags und die scheinbar unangefochtene Notwendigkeit äußerst zweifelhafter Maßnahmen richtet. Und: Social-Media-Moderatoren wurden nach Hause geschickt, über die Richtlinienkonformität von News entscheidet hauptsächlich ein Algorithmus. #realsocialdistancing.

Mehr denn je scheint der menschliche Affekt zu greifen, zur „richtigen“ Seite gehören zu wollen. Mehr denn je verstummen die Impulse zum Widerspruch. Mehr denn je bettelt die Ängstlichkeit um härtere Maßnahmen und zeigt mit dem Finger, und wahlweise mit an die Windschutzscheiben geklemmten Ihr-seid-unerwünscht-Zetteln, auf Außenseiter. Wem das aus Literatur und Geschichte bekannt vorkommt, sollte spätestens jetzt eine Gänsehaut kriegen.

Wir müssen nicht nur den Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems verhindern. Wir dürfen darüber hinaus nicht vergessen, dass es eine Welt nach dem Virus geben wird. Und dass jeder Einschnitt in unsere Freiheiten einen schmerzhaften Verlust bedeutet. Dass Drohneneinsatz zur Überwachung und Handydaten-Auswertung nicht normal sind – und wir müssen schnellstmöglich fragen: Geht das wieder weg? Wann?

Ja. Wir haben aktuell drängendere Probleme als die, um die sich unsere gelegentlich auch scheinbar kleinlichen Debatten sonst drehen. Nur sind digitale Selbstbestimmung und Freiheit keine Kleinlichkeiten. Wir werden viel aufzuarbeiten haben.

Dirk_Noch zu viele offene Fragen

Wie umfassend die Auswirkungen des neuartigen Corona-Virus sind, kann jeder selbst bemessen und soll hier nicht weiter diskutiert werden. So allumfassend diese Auswirkungen des neuartigen Corona-Virus sind, so nachvollziehbar ist der Wunsch nach einer einfachen und schnellen Lösung, doch die wird es (Achtung Spoiler!) nicht geben. So gering oder groß das Risiko einer Erkrankung auch sein mag, es gibt dieses Risiko und dieses Risiko wird uns noch eine Zeit erhalten bleiben. Gleichzeitig bedeuten sämtliche Versuche, dieses Risiko einzudämmen bzw. darauf zu reagieren, teils massive Einschränkungen unserer Freiheit – egal ob diese Versuche selbstgewählt oder verordnet sind. Und was das Ganze mit am schlimmsten macht, ist die oben angedeutete Unsicherheit: Wie hoch ist die Dunkelziffer der Infizierten, wer gehört zur Risikogruppe, was nutzen welche Masken, wo soll das alles nur hinführen…?

Eine der möglichen Maßnahmen, um die vielfältigen negativen Folgen wenigstens abzumildern, sind Apps. Dazu gab und gibt es eine Reihe verschiedener Vorschläge. Doch auch hier stellen sich wieder zwei wesentliche Fragen:

  • Welchen Nutzen hätte eine solche App unter welchen Bedingungen?
  • Welche Auswirkungen hätte diese App für den Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt?

Doch werden diese Fragen in befriedigender Weise diskutiert? Zunächst einmal gibt es bereits verschiedene Vorschläge für eine solche App und auch deren Funktionalität, Nutzen und Auswirkungen wurden und werden an verschiedenen Stellen diskutiert.
Dass in Deutschland noch keine App flächendeckend eingesetzt wird, spricht zudem dafür, dass die vielfältigen Bedenken sowohl in der Öffentlichkeit als auch bei den politischen Entscheidungsträgern durchaus ernstgenommen und berücksichtigt werden. Ob diese Diskussion allerdings in einer befriedigenden Weise abläuft, ist dagegen durchaus fraglich. Während der Nutzen teilweise überschätzt wird, werden die damit verbundenen Gefahren eher unterschätzt. Zum einen ist vielen Menschen wahrscheinlich nicht bewusst, dass die erhobenen Daten möglicherweise für andere Zwecke missbraucht werden können. Außerdem bleibt unklar, wie lange die App benutzt werden soll und wie genau man „nach Corona“ verfahren muss. Darüber müsste viel stärker diskutiert werden, um langwierige Risiken für jeden Einzelnen und die Gesellschaften insgesamt zu bewahren.

Die Diskussion, ob andere Maßnahmen wie tägliches Fiebermessen, Maskenpflicht, stärkere Hygienemaßnahmen, Schulschließungen usw. einen größeren Nutzen bei geringeren Gefahren hätten, bleibt dabei natürlich weiterhin wichtig.

Teambild Inga

Inga_Warte auf grünes Licht von unabhängigen Experten

Würde ich eine „Corona-App“ nutzen? Wenn unabhängige Experten, wie z.B. der CCC bestätigen, dass die App sauber programmiert ist, den Datenschutzsicht berücksichtigt und meine Privatsphäre schützt, dann würde ich mich vermutlich an dem Experiment beteiligen. Soweit ich es verstehe, kann man aktuell noch nicht abschätzen, welchen Beitrag solche Apps zur Beendigung der Krise tatsächlich leisten können. Sicher ist, dass auch bei flächendeckender Nutzung der Corona-App weiterhin alle anderen Sicherheitsmaßnahmen, wie Abstand halten, Hygiene und Tests eingehalten werden müssen.  

In meinem Leben bin ich bisher mit zwei ähnlich viralen Phänomenen in Kontakt gekommen:  

1) Läuse: Meistens eine Woche nach den Ferien trudelt der Zettel ein, indem die Schule über den Läusebefall der Klasse informiert. Was macht man? Beim ersten Zettel gerät man in Panik und ist kurz davor, die eigenen vier Wände samt Inneneinrichtung abzustoßen. Man wäscht, man friert ein: Kinder, Kleidung, Stofftiere, Betten, Kissen. Der Effekt: man ist mit den Nerven am Ende, aber für einige Wochen vom Ungeziefer befreit. Leider kommen die Dinger wieder, wobei man meistens schon die zweite Attacke mit etwas mehr Ruhe meistert. Man checkt also den Schopf des Kindes, bekämpft bei Befall die Schädlinge und steckt die Kuscheltiere für eine Woche in Quarantäne. Läuse tot. Ansteckungskette wieder unterbrochen.  Würden wir ohne die Weitergabe der Information des Lausbefalls unter Dauerlausbefall leiden? Kann ich nicht beurteilen, ich kenne es nur so. Uns hat die Läuseinfo allerdings oft dabei geholfen, die Läuse im frühen Stadium zu eliminieren bevor sie auch noch auf den Rest der Familie übergesprungen sind. Deswegen gibt es von mir für die Läuseinfoweitergabe einen Daumen hoch.

2) Legionellen: Wesentlich übler als Läuse sind Legionellen, die vor allem für Menschen mit geschwächtem Immunsystem eine große Gefahr sind. Die verschafften mir vor einigen Jahren das zweifelhafte Vergnügen eines 6-wöchigen Praktikums auf der Intensivstation. Legionellen-Bakterien sind meldepflichtig, genauso wie Läuse und Corona. Im ersten Moment waren wir geschockt und dachten, dass wir sie uns überall eingefangen hätten, nur nicht in der eigenen Dusche. Wir machten Gott und die Welt verantwortlich und fühlten uns dazu noch vom Gesundheitsamt verfolgt. Der Perspektivenwechsel kam, als uns das Gesundheitsamt anbot, eine Wasseranalyse durchzuführen und tatsächlich rauskam, dass sich die Legionellen aufgrund einer fehlerhaften Konfiguration der Solaranlage in unserem Haus stark vermehren konnten. Die Anlage wurde repariert, der Patient erholte sich und das Gesundheitsamt konnte Entwarnung für andere Haushalte in der Umgebung geben. Zusätzlich ging eine Info an alle Besitzer von Solaranlagen raus, da sich derartige Fälle zu der Zeit häuften. Seither heizen die Anlagen das Wasser standardmäßig einmal pro Monat hoch, um das Bakterienungeziefer zu vernichten. Also brachte auch hier das Teilen von Informationen Schutz für uns und Schutz für andere.

Ich bin also grundsätzlich positiv eingestellt, Informationen zur Abwehr von viral gehenden Bedrohungen zentral zu erfassen, zu verwalten und zur Bekämpfung zu nutzen. Im Gegensatz zu den beiden Beispielen haben wir es bei der Corona-App aber mit einer automatisierten Datenerfassung in einem elektronischen System zu tun. Über die Jahre habe ich ein relativ großes Misstrauen gegenüber der Qualität von IT-Projekten aus öffentlicher Hand entwickelt. In diesem Fall wird die Anwendung dazu noch unter großem Zeitdruck entwickelt, was IT-Produkte noch nie besser gemacht hat. Mein Bauchgefühl mahnt mich deswegen trotz des möglichen Nutzens zur Vorsicht. Wie eingangs erwähnt brauche ich deswegen verlässliche Testergebnisse und Einschätzungen von unabhängigen Menschen, die die App auf all diese Aspekte testen.

Aus meiner eigenen Erfahrung mit Viralthemen sehe ich darüber hinaus folgende Punkte, die bei der Entwicklung und Nutzung der App berücksichtigt werden sollten:

  • Panik beim ersten Alarm: Nutzer müssen darauf vorbereitet werden, was passiert, wenn die App Alarm schlägt, und zwar bevor der erste Alarm kommt. Es muss klar sein: Was muss ich jetzt tun? Wer sind meine Ansprechpartner?
  • Offene Fragen: Was passiert überhaupt nachdem ich alarmiert werde? Werde ich jetzt sofort getestet oder muss ich nur zwei Wochen in Quarantäne? Haben wir überhaupt genügend Testkapazitäten, wenn plötzlich Millionen von Deutschen diese App nutzen und die Alarme losgehen?
  • Verunsicherung durch Fehlalarme: Nicht jeder durch die App angezeigte Kontakt mit einer infizierten Person muss zwangsweise zu einer Ansteckung führen. Apps können z.B. nicht feststellen, ob sich eine Person hinter einer Schutzwand befindet. Es wird also zu Meldungen kommen, ohne dass ein Infektionsrisiko bestand. Damit entsteht eine Unsicherheit bezüglich der Verlässlichkeit der Ergebnisse und damit auch Skepsis gegenüber der App.
  • Nachlässigkeit, wenn kein Alarm ausgelöst wird: Wenn die App längere Zeit keinen Alarm schlägt, können Nutzer zu der Annahme verleitet werden, dass das Infektionsrisiko nicht mehr so hoch ist und deswegen die Schutzmaßnahmen vernachlässigen. Dadurch könnte sogar der umgekehrte Effekt eintreten, nämlich dass die App dafür sorgt, dass sich das Virus wieder stärker verbreitet.
  • Unsicherheit, wenn die App nicht alarmiert: Wie kann ich sicher sein, dass die App noch funktioniert, wenn sie lange keinen Alarm geschlagen hat? Es müsste Checkpoints geben, an denen man die App testen kann, eine Art Infizierten-Simulator.

Update 1.6.2020: Habe die Corona-Warn-App installiert. Die Quellen sind offen, die technische Umsetzung tut viel dafür, Datenmissbrauch zu verhindern und der CCC hatte auch nix zu meckern. Probleme, die ich bisher mitbekommen habe: 1) Die App wird mit Deutsch und Englisch in zu wenigen Sprachen angeboten. Gerade bei medizinischen Themen ist ein lückenloses Verständnis notwendig. 2) Habe Menschen getroffen, deren Smartphone „zu alt“ für die App ist. 3) Die Kosten für die Entwicklung und den Betrieb der App – für ein staatliches Projekt aber vermutlich Peanuts…

Teambild Madeleine

Madeleine_Warum nicht Open Source?

Madeleine: Open Source RKI-App
Teambild Volker

Volker_Macht & Experiment

Wenn die Zeiten gut sind, befinden sich Exekutive, Judikative und Legislative in einer Balance. Jede der drei beansprucht die Oberhand in ihrem Verantwortungsbereich und leitet daraus Rechte gegenüber den beiden anderen ab. Alle Rechte dieser drei sogenannten Mächte werden von der Gemeinschaft, von uns allen, in einer demokratischen Vereinbarung an die drei verliehen.

Da in allen diesen Aspekten Menschen entscheiden und handeln, entstehen unterschiedliche Meinungen und Werte, die in der öffentlichen Diskussion sortiert und eingefordert werden. Die sogenannte vierte Macht (Medien) und die fünfte Macht (Kunst) sorgen idealerweise dafür, dass uns nichts durch die Lappen geht, wenn Exekutive, Judikative oder Legislative über die Stränge schlagen

Da in allen diesen Aspekten Menschen involviert sind, entstehen unterschiedliche Meinungen und Werte, die in der öffentlichen Diskussion sortiert und eingefordert werden. Die sogenannte vierte Macht, die Medien und die fünfte Macht, die Kunst sorgen idealerweise dafür, dass dem Populus nichts durch die Lappen geht, wenn Exekutive, Judikative oder Legislative über die Stränge schlagen.

So normalerweise, so gut.

Und jetzt stell Dir vor, Du bist im Kino und es brennt und es liegt bei Dir, alle sicher ins Freie zu bringen. Was ist zu entscheiden, was zu tun?

In einem solchen Augenblick von Not werden keine Diskussionen über die Werte und Prioritäten geführt. Anfallende Entscheidungen werden sofort getroffen und Handlungen sofort durchgeführt. Es wird nicht diskutiert und auch nicht geprüft, ob eine Handlung gut ist, dafür ist keine Zeit. Das wichtigste Kriterium lautet: niemand verbrennt.

Heute befinden wir uns alle einer solchen Situation: das Virus ist unsichtbar in einigen von uns, es kann auf jede/n überspringen und jede Verzögerung kann Menschenleben kosten. Es gibt keine Zeit für das normale Zusammenspiel der Mächte. Anfallende Entscheidungen werden sehr schnell getroffen (bekommen also sehr schnell eine Mehrheit) und Maßnahmen werden sofort begonnen. Das wichtigste Kriterium lautet: niemand stirbt.

In beiden Fällen führt eine solche Notsituation zu aussergewöhnlichen Entscheidungsprozessen und Massnahmen, deren Anwendbarkeit mit dem Not- oder Ausnahmezustand begründet ist. Die Beteiligten akzeptieren dies mehr oder weniger und folgen mit grosser Mehrheit den Massnahmen und Anordnungen.

Für eine solche Situation gibt es eine lange Tradition der Macht: ‚Notregeln‘ werden zum Normalzustand. Einmal eingeführte Gesetze, Normen und Institutionen werden über den ursprünglichen Bedarf hinaus beibehalten und sogar ausgebaut.

Zum Beispiel:

  • die Schaumweinsteuer wurde 1902 eingeführt, um die Kriegsflotte mitzufinanzieren und wird heute noch einbezogen

  • der Patriot Act wurde 2001 explizit als Reaktion auf den Anschlag vom 11. September eingeführt und wirkt weiterhin fort

Das zweite Problem ist die Neuheit der Situation. Wir erfahren gemeinsam die erste Pandemie unserer Generation, das erste Mal die ganze Welt im Notstand.

Wir alle wissen nicht, wer infiziert ist und wer nicht. Wir alle wissen nicht, welche Maßnahme wie helfen wird oder wie nicht. Es ist sogar noch komplizierter. Da jede Maßnahme gleichzeitig hilft und Schaden verursacht, ist die Entscheidung noch schwieriger zu diskutieren und zu treffen.

ür uns heisst die aktuelle allgemeine, globale Realität: die gesamte Menschheit muss experimentieren, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Experimentieren bedeutet auch Scheitern, bedeutet auch immer und sicher: Todesfälle. Ein solche Wahrheit sieht in der Presse oder in der Presskonferenz nicht gut aus. Das ist nicht, was Menschen, die um Ihr Leben bangen, hören wollen oder können.

Damit sind wir in zwei Dilemmata gefangen.

Zum Einen erfahren und akzeptieren wir aufgrund des Ernstes der Lage Einschränkungen auf vielen Ebenen und sehr wahrscheinlich auch im Widerspruch zum Grundgesetz. Diese Gesetzesänderungen und Maßnahmen werden in Anbetracht der Situation nur wenig hinterfragt, man hat ja keine Zeit.

Zum Anderen sind alle diese Maßnahmen ’nur‘ Versuche nach bestem Wissen und Gewissen, es gibt keine Garantien und ganz sicher wird es auch negative Effekte geben.

Wir als Gemeinschaft müssen uns bewusst werden, uns fragen:

  • Welchen Nutzen haben die Maßnahmen und welchen Schaden richten sie an?

  • Wie werden unsere bürgerlichen Grundrechte beeinflusst und wie lange lassen wir das zu?

Diese Fragen werden heute schon gestellt und diskutiert. Und noch besser: die Fake News Angst Maschinerie wird endlich aktiv angegangen. Wir erleben einen globalen Aha-Moment. Die Menschheit erlebt die Pandemie gemeinsam, nicht nur jedes Land allein. Länder lernen von einander #flattenthecurve.

Und mir scheint, auch die gesellschaftliche Diskussionsfähigkeit verbessert sich unter Einbeziehung der sozialen Medien (und nicht trotz). Ich kann mindestens in meinem privaten Umfeld beobachten, dass die Menschen um mich bürgerlicher, demokratischer, empathischer geworden sind und das vor allem unsere Diskussionen bessere geworden sind. Gerade das Miteinanderumgehen hat heute eine höheren Stellenwert als noch vor einigen Monaten.

Meine größte ethische Sorge ist, dass wir uns zu schnell an Einschränkungen gewöhnen, und die durch die Pandemie entstehende Schieflage der Mächte im Nachhinein als das neue Normale, als Balance akzeptieren. Wenn wir uns alle die dafür notwendige Zeit nehmen, wird dies nicht passieren.

Mein größte ethische Hoffnung ist, dass wir uns nach der Pandemie als ein größeres Wir wiederfinden und erhalten können. Ein Wir, das sich dann um die noch wichtigeren Themen als das Überstehen der Pandemie kümmern wird (denn die bedroht nicht die Menschheit an sich).

Teambild Achim

Achim_Bitte keine Gewissens-Placebos

Ich muss gestehen, dass ich die Vielschichtigkeit des Themas erst durch die Linksammlung (siehe Infobox) mitbekommen habe. Und damit ja auch, wie unzulässig verkürzt die Frage „Corona-App oder nicht?“ ist.
Schon klar: Wir können und wollen nicht alle Epidemologinnen, Philosophen und CCC-Nerds sein. Vereinfachung ist notwendig. Wir haben ja alle auch noch andere Sorgen.

Mein spontanes Gefühl bei den ersten Vorschlägen war: Hier kann Data Science und das ganze Digitalisierungs-Spielzeug doch mal wirklich nützlich sein! Und damit sind wir bei einem wichtigen Punkt: Der Nutzen ist ja gar nicht so klar. Das ist zunächst mal eine Annahme.

Es geht (wie so oft) ja um die Abwägung zwischen den Freiheitsrechten des/der Einzelnen und dem Wohl der Gemeinschaft. Und da finde ich die Ansätze von Google und Apple oder auch das Standort-Tracking nicht überzeugend.

Ich sehe es wie Volker: Wir sollten uns auch trauen, etwas auszuprobieren. Dazu gehört allerdings auch, sich vorher die Risiken eines Experiments zu verdeutlichen und entsprechende Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Das DP-3T-Konzept und die 10 Prüfsteine des CCC zeigen ja, das das geht.

Gerade weil viele Menschen andere, teilweise existenzielle Sorgen haben, ist eine verkürzende, gleichmachende, Hauptsache-irgendwas-tun-Kommunikation verantwortungslos. Es entsteht sonst ein Beruhigungs-Placebo: „App installiert: Check. Ich weiß zwar gar nicht sooo genau, was die tut, aber ich helfe irgendwie aktiv mit.“

Das erinnert mich an Clicktivism: Schnell eine Petition teilen oder eine Kampagne liken und schon gehöre ich zu den Guten. Das darf natürlich Jede*r so halten, nur entsteht so leicht eine neue gedankliche Norm: Sicherheit der Gemeinschaft sticht persönliche Freiheit. Immer.

Daraus wird dann schnell eine faktische Unfreiwilligkeit. Wie, Du willst Deine Daten nicht teilen?  Du Asi! Ich finde, da sollten wir uns eine differenziertere Diskussion wert sein. Ging beim Thema Organspende ja auch.

Die Konsequenz für mich ist: Zerrt das Thema – und das Dilemma – in den Fokus der Mainstream-Medien. Mutet Euren Zuschauern, Lesern, Mitmenschen schwierige Fragen zu. Erklärt und wägt ab. Das ist verantwortungsvolle Medienarbeit. Auch in der Krise.

Teambild Schlecky

Schlecky_Ich vertraue dem Staat (ja wirklich)

Ich hatte schon häufiger die Gelegenheit, mich mit Menschen aus der Datenethikkommission auszutauschen und freue mich immer wieder über die profunde Expertise der beisitzenden Experten und Expertinnen. Anders als private Unternehmen unterliegt der Staat einer demokratischen Kontrolle, daher habe ich nur geringe Bauchschmerzen, wenn es um den Einsatz einer Corona-App geht. Hier heiligt der Zweck die Mittel und wenn uns ein solches Tool schneller zu Normalität führt, dann begrüße ich es, solange Transparenz und Kontrolle gegeben sind. Darüber hinaus halte ich den Einsatz für eine gute Übung im Umgang mit Bürgerdaten, denn je schneller der Staat damit Erfahrungen macht, desto besser.

 

Fazit

Aus unseren Überlegungen ziehen wir folgende Schlüsse:

  • App-Hersteller müssen verständlich erklären, wie ihre Apps funktionieren und welche Daten sie verarbeiten.
  • Medien müssen ausgewogen über Vorteile, Nachteile und Risiken der Apps berichten.
  • Apps müssen so datensparsam wie möglich arbeiten.
  • Die Privatsphäre muss geschützt werden.
  • Es muss sichergestellt sein, dass die Qualität der Apps maximal hoch ist.
  • Der Nutzen der Apps muss klar kommuniziert werden. Wenn nicht sicher ist, ob die App hilft, muss das für Nutzer im Vorfeld klar sein.
  • Die Quellen der Apps müssen weit möglich offenliegen, damit sie von möglichst vielen unabhängigen Stellen geprüft werden können.
  • Die Maßnahmen müssen zeitlich befristet sein oder in regelmäßigen Abständen geprüft werden, ob sie noch erforderlich sind.
 
Titelfoto: StockSnap
 
 
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